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(Brigitte - 12/06) Die Sonne schickt ihre ersten milchig gelben Strahlen über das Meer. Wir sind früh hoch, bevor die Hitze den Berg einhüllt. Auf einem steinigen Pfad geht es hinauf zum Gipfel des Televrin. Dunkelgrüne Wacholderbüsche mit stacheligen Blättern wachsen am Wegesrand und ab und an ein Baum. Oben bläst der Wind in unsere Gesichter. Es riecht nach Pinien, nach Salz, nach Rosmarin. Wir sitzen auf einem Felsen und schauen auf unsere Inseln hinab. Nur durch einen schmalen Kanal getrennt, liegen sie eng beieinander im Meer. Wie ein großer, blaugrüner Wal, dessen Rücken aus dem Wasser ragt. (Brigitte - 12/06) Die Sonne schickt ihre ersten milchig gelben Strahlen über das Meer. Wir sind früh hoch, bevor die Hitze den Berg einhüllt. Auf einem steinigen Pfad geht es hinauf zum Gipfel des Televrin. Dunkelgrüne Wacholderbüsche mit stacheligen Blättern wachsen am Wegesrand und ab und an ein Baum. Oben bläst der Wind in unsere Gesichter. Es riecht nach Pinien, nach Salz, nach Rosmarin. Wir sitzen auf einem Felsen und schauen auf unsere Inseln hinab. Nur durch einen schmalen Kanal getrennt, liegen sie eng beieinander im Meer. Wie ein großer, blaugrüner Wal, dessen Rücken aus dem Wasser ragt. Cres und Losinj sind keine dieser lieb-lichen Flecken im Mittelmeer mit Wiesen, Blumenbeeten und Sandstränden. Cres und Losinj sind anders. Zum Glück. Die Erde ist rot und voller Steine. Wilder Lorbeer wächst an den Hängen. Am Wegrand steht höchstens mal ein Schaf. Eine Gegend, die sich nicht durch Ackerbau kultivieren lässt. Deren Farben nicht Hellgrün oder Sonnengelb sind, sondern gedämpft: Grauoliv, Rotbraun, Weißgrau. Cres und Losinj packen mich auf den zweiten Blick. Seit ein paar Jahren werden die beiden Inseln im Norden Kroatiens entdeckt. Die Karawane, die es früher in die Toskana, nach Ibiza und nach Mallorca zog, wandert jetzt in die Kvarner Bucht. Schließlich erreicht man Cres, nur 70 Kilometer von Triest entfernt, von Süddeutschland aus mit dem Auto in gerade mal sieben Stunden. Während viele junge Kroaten in die Stadt ziehen, kaufen die Fremden die günstigen Häuser auf. Künstler, Aussteiger und Leute, die eine zweite Heimat für die Sommermonate suchen. Cres und Losinj sind nun mal etwas Besonderes. „Mich fasziniert die wilde, ursprüngliche Landschaft", sagt Peter Tomschiczek, während er mit uns über einen Feldweg stapft. Peter Tomschiczek trägt Jeans, einen Ohrstecker und Stoppeln auf dem Kopf. Er ist 66 und einer der wichtigsten zeitgenössischen bayerischen Maler, seit 30 Jahren lebt er auf der Insel Cres. Alle drei bis vier Wochen kommt er her, sammelt Eindrücke, macht Skizzen, packt Stöckchen und platt gefahrene, vertrocknete Frösche ein. Seine Bilder malt er zu Hause in Oberbayern. Abstrakte Bilder in Mintgrün und Tiefblau. Er zeigt auf die Salbeipflanzen und ihre Wurzeln, die Holzgatter auf den Schafweiden, eine winzige blaue Blume im Windschatten einer Mauer, das Meer. Das ist die Inspiration für seine Arbeit, das findet er nirgendwo sonst. Zwischen Büschen schnellen neben unseren Füßen mehrere Grashüpfer hoch, springen bis zu unseren Schultern durch die laue Luft. „In der Nacht hörst du Grillen, Frösche, Schafe und Zikaden. Aber manchmal wird es plötzlich total still", sagt Boris, Peter Tomschiczeks Sohn. „Wenn ich bei einem Film nicht weiß, wie ich weitermachen soll, fahre ich hierher." Boris Tomschiczek hat die Münchner Filmhochschule besucht, mittlerweile hat der Regisseur selbst ein Haus gekauft. „Hier musst du dich nicht um U-Bahn-Tickets kümmern, sondern darum, dass in der Zisterne genügend Wasser ist und die Schafe nicht die Tomaten vor dem Haus auffressen. Und nach drei Tagen habe ich die Lösung für mein Filmproblem. Die Insel schärft die Sinne." Cres und Losinj sind klein, gerade mal 68 und 31 Kilometer lang. Die Menschen der Inseln sind immer viel gereist. So wie Ferdinand Zorovic. Er hat die großen Hände auf den Bauch gelegt, ein bisschen rot ist die Stirn von der Hitze. Draußen an der Mole liegt sein Motorboot, Ferdi macht Pause. Ausnahmsweise. Meistens ist Ferdi in Nerezine, einem Dorf auf Losinj, unterwegs, dort betreibt er eine Werftkantine, eine Pizzeria und ein Hotel. Heute Nachmittag nimmt er uns auf seiner „Sea Ray" mit. Wir fahren einmal rund um Losinj und zu den kleinen Nachbarinseln Susak und Unije. Kiesstrände, Felsen, Pinienwälder ziehen an uns vorbei. Das Wasser ist hellgrün, dann dunkelblau und plötzlich durchsichtig. Schatten tanzen auf hellen Steinen am Grund. Fische sausen wie kleine Blitze unter unser Boot. Ein Sprung ins Meer, herrlich, wie weich und warm das Wasser ist. Weiter draußen wirft ein Mann einen Anker von seinem Holzkahn und legt sich zum Dösen in die Sonne. Ferdi holt ein Bier aus einer Tasche. Er stammt aus Losinj, hat in den 70er Jahren die Nautikschule der Insel besucht, ist fünf Jahre lang auf Öltankern zur See gefahren, war im Irak, in Afrika, Nordamerika, Amsterdam, Kanada, Indien. Dann, nach dem Ende des Krieges vor elf Jahren, kam er zurück und machte sich selbständig. Heute hat er eine Werftkantine, eine Pizzeria und ein Hotel. Wenn er frei hat, fährt er mit dem Motorboot in eine Bucht zum Baden. „Oder ich besuche deutsche Freunde aus Berlin oder Köln." Freunde, die ein Ferienhaus auf Losinj haben. Die Fremden hinterließen Spuren. Überall sehen wir sie, sie führen in die Vergangenheit und in die Gegenwart. An der Fassade eines Hauses in Nezerine prangt ein venezianischer Löwe. Auf dem Friedhof wundern wir uns über die Namen der Toten: Giovanni, Antonia, Enrico. Auch als wir durch Cres, die Inselhauptstadt, schlendern, fühlen wir uns wie in Italien. Hinter der Uferpromenade laufen wir durch ein Gewirr aus Gassen. Ein geblümter Sofabezug hängt an einer Leine zum Trocknen. Ab und an geben uns die Straßen den Blick frei auf Hinterhöfe, manchmal passen gerade nur eine Sitzbank und ein Geranientopf hinein. Wir hören Männer, die sich auf den Straßen „Ciao" zurufen - oder „Buona giornata", einen schönen Tag. |