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Wladimir Kaminer „Kroatien“ (Cicero - 11/07)
Die Deutschen sind gerne naiv, es zieht sie nach Süden, ans Meer, dort kaufen sie Häuser oder bauen sie neu, in der Hoffnung, sich dort niederzulassen, wo es keine anderen Deutschen gibt. Sie träumen von einem naturverbundenen Leben in einer paradiesischen Landschaft, umgeben von friedlichen einheimischen Fischern, die nebenberuflich auch noch fette Schafe halten und leckeren Schnaps brennen.
Aber überall, wo Deutsche hinziehen, ziehen andere Deutsche sofort nach. Sie empfinden es als ungerecht, wenn es jemandem woanders besser als ihnen geht. So entstehen deutsche Kolonien im Ausland. Meine kroatische Lieblingsinsel Otok Losinj ist zum Beispiel fest in rheinländischer Hand. Zumindest im Örtchen Nerezine hört man öfter Kölsch als Italienisch. Außer Kölnern wohnen hier noch Bochumer und Wuppertaler. Unser Kölner Freund Karl-Heinz hat hier vor vielen Jahren das alte Rathaus gekauft und es zu einem kleinen sym-pathischen Hotel umgebaut, direkt am Ufer der Adria. Otok Losinj hat alles, was man von einer kroatischen Insel erwartet, der Berg Televrin, nach dem das Hotel benannt wurde, ist kinderfreundlich, ideal zum Hoch- und Runterklettern, die Sonne sticht hier nicht, und das Wasser leuchtet nachts vom Plankton. Um sechs Uhr früh legt der Fischer direkt vor dem Restaurant des Hotels an und verkauft seinen Fang. Die Einheimischen besitzen Schafe und Schnapsbrennereien, wie es sich gehört, in jedem Haus kann man Schafskäse oder starken Wein kaufen.
Wladimir Kaminer „Kroatien“ (Cicero - 11/07)
Die Deutschen sind gerne naiv, es zieht sie nach Süden, ans Meer, dort kaufen sie Häuser oder bauen sie neu, in der Hoffnung, sich dort niederzulassen, wo es keine anderen Deutschen gibt. Sie träumen von einem naturverbundenen Leben in einer paradiesischen Landschaft, umgeben von friedlichen einheimischen Fischern, die nebenberuflich auch noch fette Schafe halten und leckeren Schnaps brennen. Aber überall, wo Deutsche hinziehen, ziehen andere Deutsche sofort nach. Sie empfinden es als ungerecht, wenn es jemandem woanders besser als ihnen geht. So entstehen deutsche Kolonien im Ausland. Meine kroatische Lieblingsinsel Otok Losinj ist zum Beispiel fest in rheinländischer Hand. Zumindest im Örtchen Nerezine hört man öfter Kölsch als Italienisch. Außer Kölnern wohnen hier noch Bochumer und Wuppertaler. Unser Kölner Freund Karl-Heinz hat hier vor vielen Jahren das alte Rathaus gekauft und es zu einem kleinen sym-pathischen Hotel umgebaut, direkt am Ufer der Adria. Otok Losinj hat alles, was man von einer kroatischen Insel erwartet, der Berg Televrin, nach dem das Hotel benannt wurde, ist kinderfreundlich, ideal zum Hoch- und Runterklettern, die Sonne sticht hier nicht, und das Wasser leuchtet nachts vom Plankton. Um sechs Uhr früh legt der Fischer direkt vor dem Restaurant des Hotels an und verkauft seinen Fang. Die Einheimischen besitzen Schafe und Schnapsbrennereien, wie es sich gehört, in jedem Haus kann man Schafskäse oder starken Wein kaufen. Doch ihr wichtigstes Gut sind Boote. Wer das größte, das schnellste, das schönste Boot hat, ist der Boss. Die Schafe und die Weine sind bei allen gleich, die Boote sind sehr unterschiedlich. Sie unterscheiden sich durch die Kraft ihrer Motoren, durch ihre Ausrüstung, ihre Form und Farbe und vor allem natürlich durch ihre Gattung. Es gibt langsame, sichere Familienboote, smarte Sport- und Rennboote, kleine, flinke Miniboote für Egoisten und unbezahlbare, zerbrechliche Oldtimer mit poliertem Holzdeck, die oft Applaus ernten, wenn sie neben einer Kneipe oder neben der Hotelterrasse anlegen. Kurzum, die Boote sind für die Inselkroaten das, was für die Festlandbewohner die Autos sind: ein Zeichen des Wohlstandes, der Identität und ein un-erschöpfliches Gesprächsthema. Mit den Booten können sie angeben, sie können sie aufmotzen, von vierzig auf sechzig Knoten und mehr, um damit eine neue Lebensphase zu markieren.
Die Vorliebe für schnelle Boote hat damit zu tun, dass die Inselkroaten eine doppelte Identität haben. Ihre Vorfahren waren einerseits Schafshirten, andererseits Piraten. In der Vergangenheit wurden die friedlichen Hirten oft von den Piraten überfallen, sodass sie irgendwann selbst Piraten wurden — aus Frust und der Notwendigkeit, ihr Leben und das ihrer Schafe zu schützen. Die Piraten dagegen, die immer mehr Schafe als Beute nahmen, setzten sich auf der Insel zur Ruhe und wurden Hirten. Bei den heutigen Inselbewohnern sind die Eigenschaften beider Berufsgruppen zu finden, sie verbinden die Artigkeit eines Hirten mit der Rastlosigkeit eines Piraten. Es sind ruhige, temperamentvolle Menschen, die ich Schafspiraten nenne. Auf die Deutschen und andere Europäer angesprochen, die sich auf der Insel niederlassen, Häuser, Motorräder und Boote kaufen und so tun, als ob sie schon immer da gewesen wären, reagieren die Einheimischen gelassen. Der Schafspirat Fernando, eine Autorität im Dorf (44 Knoten) meinte dazu, die Neuankömmlinge würden es nie schaffen, so zu werden wie die echten Kroaten. Denn die Kroaten machen alles mit Herz, die anderen handeln bloß aus Interesse.
Der Motorbootsmechaniker in Nerezine, der die einzige Reparaturwerkstatt leitet, ist Gott und hat im Sommer keine Sprechstunde, aufgrund totaler Überbeschäftigung. Die Boote gehorchen ihm, manchmal reicht es schon, einfach die Hand auf die Haube zu legen, schon springt der Motor wieder an. Manchmal aber sterben Boote wie Menschen, völlig unerwartet. Noch nicht mal alt, eigentlich ganz robust, gestern vierzig Meilen gefahren, nie in der Reparatur gewesen, plötzlich tot. Diese Boote türmen sich links und rechts neben der Werkstatt und werden als Ersatzteilspender benutzt.
Große Yachten der Superreichen halten hier selten an, sie schwimmen an anderen, prominenteren Orten. Trotzdem sind große Yachten, wenn sie mal vor Ort auftauchen, ein Reizfaktor und ein psychisches Trauma der Insulaner. So wie die Opel-Vectra-Autofahrer gerne untereinander die letzten Formel-I-Ergebnisse besprechen, reden die Bootsfahrer gerne über Yachten mit Hubschrauberlandeplätzen, die 200 Meter lang sind und mit sechzig Knoten fahren, und ob Bill Gates den Ab-ramowitsch auf hoher See überholen kann. Extra um Yachten anzulocken, haben sie vor einer Schleuse eine Seeschranke aufgebaut, eine aufklappbare Brücke, die zwei Mal am Tag immer um neun und um siebzehn Uhr mechanisch aufgeklappt wird. Die kleinen und die großen Schiffe stellen sich zeitig vor der Schranke in Reih und Glied auf, an beiden Ufern versammeln sich Schaulustige aus den nahe gelegenen Dörfern, um sich die Schiffe anzuschauen. Die Kneipe neben der Schranke macht wahrscheinlich innerhalb einer halben Stunde ihren Tagesumsatz.
Neulich setzte ich mich mit einem Freund an einen freien Tisch und bestellte ein großes Bier. Die Boote interessierten uns wenig. Der Kneipenwirt, auch ein Schafspirat, hörte, dass wir russisch mit einander sprachen und legte sofort eine Art Album direkt vor meiner Nase auf den Tisch, es war das Gästebuch seiner Gaststätte. Ich war schwer beeindruckt. Tatsächlich wurden einige Bücher von mir vom Serbischen ins Kroatische übersetzt, doch die Tatsache, dass ich auf der kleinen Insel von einem Schafspiraten erkannt wurde, kitzelte mich. Ich wollte ihm schon etwas Nettes in sein Gästebuch schreiben, da blätterte der Wirt zurück und zeigte mit dem Finger auf ein schlecht entwickeltes Polaroidfoto. Darauf war ein Mann mit Dreitagebart zu sehen, der etwas verloren aus der Wäsche schaute, als ob er gar nicht mehr wüsste, wo er war und wo er hinmusste. „Wer ist das?", fragte ich den Wirt. „Abramo-witsch!", grinste er stolz. „War hier!" Ich nickte und schwieg. Diese neureichen Russen sind ein Phänomen für sich. Während sich in anderen Ländern die Reichen den Arsch aufreißen, um ihren Reichtum zu vermehren, damit ihre Kinder noch mehr davon haben und ihn noch erfolgreicher vermehren können, fährt der Goldrusse mit seiner Riesenyacht von Kneipe zu Kneipe, völlig losgelöst von allen irdischen Problemen, er weiß nichts davon, dass Reichtum verpflichtet, und bald wird es keine einzige Kneipe mehr auf der Erde geben, in der seine Visage nicht im Gästebuch klebt.
Über Abramowitsch erzählen die yachtbesessenen Kroaten folgende Legende: Nachdem er seine Frau mit einer Jüngeren betrogen hatte und diese sich scheiden ließ, wollte er seiner Ex ein Trennungsgeschenk mit auf den Weg geben, ihr einen letzten Wunsch erfüllen, egal was er koste. Sie habe jedoch auf alles Geld verzichtet und stattdessen nur eine seiner Yachten gewollt, die angeblich schnellste Yacht überhaupt. Der Milliardär hat sein Wort gehalten, obwohl ihn der Verlust seiner Yacht sehr geschmerzt hat. Seitdem braust die betrogene Exfrau durch Meere und Ozeane, und niemand hat sie je irgendwo gesichtet, weil ihre Yacht zu schnell, fürs menschliche Auge fast unsichtbar und deshalb nur auf dem Radar auszumachen ist. |