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Marianne Kolarik „Wissensdurst und Wanderlust“ (Kölner Stadtanzeiger - 2007)
Eine alte Frau winkt die Touristen zu sich heran: In der Hand hat sie hat ein großes Glas Honig, das sie verkaufen will. Eine von insgesamt 16 Einwohnerinnen des Dörfchens Lubenice, mitten auf der Insel Losinj. Die Frauen hier leben vom Verkauf von Olivenöl und Honig an Touristen - wie lange noch, weiß keiner. In der frisch restaurierten Pfarrkirche ist eine Wand mit glagolitischen Schriftzeichen bedeckt, der Kirchensprache aus dem 9. Jahrhundert. Übers Kopfsteinpflaster läuft eilig eine schwarzweiße Katze und schlüpft in die nächste Gasse hinein. Ein malerischer Ort.
Marianne Kolarik „Wissensdurst und Wanderlust“ (Kölner Stadtanzeiger - 2007)
Eine alte Frau winkt die Touristen zu sich heran: In der Hand hat sie hat ein großes Glas Honig, das sie verkaufen will. Eine von insgesamt 16 Einwohnerinnen des Dörfchens Lubenice, mitten auf der Insel Losinj. Die Frauen hier leben vom Verkauf von Olivenöl und Honig an Touristen - wie lange noch, weiß keiner. In der frisch restaurierten Pfarrkirche ist eine Wand mit glagolitischen Schriftzeichen bedeckt, der Kirchensprache aus dem 9. Jahrhundert. Übers Kopfsteinpflaster läuft eilig eine schwarzweiße Katze und schlüpft in die nächste Gasse hinein. Ein malerischer Ort. Wir kommen geradewegs von Nerezine, einem Hafenstädten am Fuße des 589 Meter hohen Televrin auf der 75 Quadratkilometer großen, von rund 6000 Menschen bewohnten Insel Losinj. Die Fahrt fuhrt bergan durch eine von unzähligen Steinmauern durchzogene Landschaft, vorbei an mit bunten Flecken markierten Schafen, an Kapellen, die weitab von jeder menschlichen Ansiedlung gebaut wurden. Vorbei auch an Oliven-Hainen und den hübschen, aber von den hiesigen Landwirten gar nicht, gern gesehenen Blüten der Wolfsmilch: eine karstige Landschaft von strenger Schönheit.
In den 70er und 80er Jahren war Jugoslawien ein beliebtes Reiseziel der Deutschen. Obwohl der Balkankrieg zwischen 1991 und 1995 die Inseln vor der istrischen Küste verschont hat, blieben die Touristen aus. Erst seitdem sich die Wirtschaft und damit die Republik langsam erholt, wird Kroatien und die Kwarner Bucht als Reiseziel langsam wieder attraktiv. Eine der erstaunlichsten Entdeckungen, die man hier machen kann, besteht dabei nicht in dem glasklaren Wasser, in dem sich Fische und Delphine tummeln, auch nicht in der hohen Dichte an Kirchen, Kapellen und Klöstern, sondern darin, dass der moderne Tourist offenbar mehr vom Urlaub erwartet, als in der Sonne zu schmoren oder Handtücher auf Liegestühlen platzieren zu können.
Man kann auch Natur und Kultur verbinden, sich erholen und dabei ein bisschen schlauer werden., .Fe-rienseminar" oder „Ferienakademie" nennt sich das Programm der Thomas-Morus-Akademie. Die wechselvolle Geschichte der Insel Losinj liefert den Unterbau für die Beschäftigung mit den politischen Verhältnissen des Landes: Franzosen, Österreicher, Italiener und Slawen haben hier ihre Spuren hinterlassen. Gerne wird von einem Mann erzählt, der es im Laufe seines 94-jährigen Lebens auf fünf Staatsbür-gerschaften gebracht hat, ohne sich aus seinem Geburtsort zu entfernen. Glaubwürdig ist das zwar nur bedingt, aber eine hübsche Vorstellung. Historisch verbürgt ist dagegen die Affäre der Schauspielerin Katharina Schratt mit dem österreichischen Kaiser Franz Joseph, der mit der Wittelsbacher Elisabeth („Sissi") verheiratet war. In der Hafenstadt Mali Losinj steht die dunkelrote Villa, die er eigens für seine „Hygienefrau" errichten ließ.
Mancher mag sich fragen, wieso er so weit wegfahren soll, um zum Beispiel etwas über Heinrich Böll oder die deutsche Geschichte im Spiegel des Kabaretts zu erfahren. Die Antwort lautet: Es ist etwas ganz anderes und wesentlich anregender, des Morgens einem Vortrag zu lauschen und nachmittags eine Wanderung über Stock und Stein zu unternehmen, als zu Hause eine Abendvorlesung zu besuchen.
Osor liegt knapp drei Kilometer von Nerezine entfernt, der Ort auf der Insel Cres durch eine Drehbrücke mit Losinj verbunden. Dort kann man eine zerfallene Kapelle besuchen, in deren Gruiten menschliche Knochen liegen. Oder man entdeckt an einer Hauswand einen in Stein gehauenen venezianischen Löwen. Tatsächlich ist es genau diese Mischung aus Wissensdurst und Wanderlust, aus der Sehnsucht nach warmen Gefilden und Gehirntraining, die den Reiz dieser Ferien ausmacht.
Dabei wollen wir die Risiken und Nebenwirkungen nicht verschweigen, die man bei einem Ferienseminar mit bucht. Natürlich kann man sich die Reisegesellschaft nicht aussuchen - das gibt es auch sonst nicht. Gewarnt werden soll aber davor, dass sich naturgemäß der eine oder andere Besserwisser darunter befin-den kann. Auch nicht schön ist der Anblick von Schafen, deren Vorderhufe an die Hinterhufe gebunden sind, damit sie nicht aus ihrer von Mauern umgebenen Weiden ausbrechen können.
Dass viele Kroaten neben ihrer Muttersprache nicht nur fließend Italienisch, sondern auch Deutsch sprechen, macht die Kontaktaufnahme - gepaart mit ihrer Offenheit und Feierfreude - denkbar einfach. In Nerezine leben Flavia und Ferdi Fernando Zorovic. Beide besitzen außerdem ein Haus weitab vom Schuss. Im offenen Kamin wird das Brot geröstet und der frischgefangene Fisch gegrillt. Da fragt man sich unwillkürlich, was der Mensch mehr braucht, um glücklich zu sein. Gut, man sollte sich vielleicht einen kleinen Weinvorrat anlegen. Aber das ist auch schon alles. |